Die große Leere in hessischen Krankenhäusern

Pflegerin in einem Patientenzimmer mit einem leeren Bett auf einer Intensivstation. Bild © picture-alliance/dpa

Trotz Pandemie sind die Krankenhäuser so leer wie lange nicht. Das bringt Ärzte in Kurzarbeit und vermiest die Geschäftsbilanz. Die strengen Corona-Vorschriften wurden am Freitag gelockert.

Von Jens Wellhöner

Kurzarbeit musste das Kasseler Elisabethkrankenhaus zwar noch nicht anmelden – im Gegensatz zu anderen Kliniken zum Beispiel in Bayern, Thüringen und Schleswig-Holstein. Doch Chefarzt Uwe Behrmann schüttelt den Kopf, wenn er durch die Stationen geht. Er sagt: „Ich bin seit 17 Jahren hier. Aber so leer habe ich die Klinik noch nie erlebt.“ Das Elisabethkrankenhaus hat 240 Betten – nur gut 110 sind derzeit belegt.

Ein Grund für den Leerstand: Eine ganze Station ist für Corona-Patienten reserviert. Das schreibt ein Erlass der Landesregierung für alle Kliniken mit Akut-Versorgung vor. Die Corona-Station ist ausgestattet mit Intensivbetten und Beatmungsmaschinen.

Eine Handvoll Patienten auf der Corona-Station

Doch dort wird nicht einmal eine Handvoll Patienten behandelt, berichtet Behrmann: „Die große Corona-Welle ist bei uns zum Glück bisher ausgeblieben. Aber so steht eben eine Station beinahe leer, in der sonst über 20 Patienten behandelt werden.“

Ein zweiter Grund für die große Leere: Planbare Behandlungen, die nicht unbedingt jetzt sein müssen, wurden verschoben. Erst am Freitag lockerte die hessische Landesregierung diese Bestimmung: Ab Montag sind dann wieder auch nicht zwingend notwendige medizinische Eingriffe und Operationen in Kliniken erlaubt. Bisher galt, dass die Kliniken frei bleiben sollten – für einen möglichen Ansturm, falls sich die Corona-Krise verschlimmert.

Doch solange es diese Welle nicht gibt, bleiben viele Betten eben leer. Ärzte und Pfleger haben nichts zu tun. „Einige Mitarbeiter haben wir in Urlaub geschickt, andere bummeln ihren Urlaub ab“, sagt Chefarzt Behrmann.

560 Euro pro leeres Bett – „das reicht nicht“

Der Leerstand reißt auch Löcher in die Kassen der Krankenhäuser. Der Bund hat deswegen einen Rettungsschirm aufgespannt: Für jedes freie Bett bekommt eine Klinik 560 Euro.

Nach Einschätzung der hessischen Krankenhausgesellschaft reicht diese Summe oft aber nicht. Hessenweit seien die Kliniken nur gut zur Hälfte ausgelastet. Das bringe einige Krankenhäuser in Existenznot. Dieser Zustand dürfe nicht noch Monate andauern. Deshalb forderte die Krankenhausgesellschaft, auch planbare Operationen wieder zuzulassen, um die Betten in den Kliniken wieder zu füllen. So kommt es nun ab Montag.

Michael Schmidt, Geschäftsführer im Kasseler Marienkrankenhaus, sagt: „Die 560 Euro vom Bund decken unsere Kosten nicht. Normalerweise wären unsere Betten im Frühjahr gut belegt.“ Dieses Jahr sei alles anders.

 
Leeres Bett auf einer Intensivstation. Bild © picture-alliance/dpa

Manche zögern wichtige Untersuchungen hinaus

Die wirtschaftlichen Folgen des Leerstands seien das eine, fügt Schmidt hinzu: „Auch für die Patienten ist das eine schwere Situation.“ Viele kämen entgegen dem ärztlichen Rat nicht ins Krankenhaus, weil sie Angst vor Ansteckung hätten. „Corona hält die Patienten davon ab, wichtige Behandlungen wahrzunehmen.“

Das bestätigt Chefarzt Uwe Behrmann vom Elisabethkrankenhaus: „Menschen, die plötzlich Bauchschmerzen haben, kommen sonst zu uns, weil sie eine Blinddarmentzündung befürchten. Doch im Moment bleiben sie aus Angst vor Corona so lange zu Hause, bis sie richtig schwer krank und in akuter Gefahr sind.“ Das gelte auch für Herzpatienten und Frauen, die ihr Brustkrebsscreening verschieben. Auch das gefährde Menschenleben, warnt Behrmann.

Dabei bestehe doch gar keine Ansteckungsgefahr, betont Laura Küster, Hygiene-Fachkraft am Kasseler Marienkrankenhaus. Die Corona-Station sei isoliert vom Rest der Klinik. Patienten mit Corona-Verdacht müssten durch einen Extra-Eingang ins Haus kommen. Die Pfleger von der Corona-Station dürften natürlich nicht auch Patienten auf anderen Stationen behandeln, das sei strikt verboten. Das gelte für alle Kliniken.

Sendung: hr-iNFO, 29.04.2020, 11.42 Uhr

Veröffentlicht am 01.05.20 um 10:53 Uhr

Quelle: hessenschau.de/loi

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