Saint George – Utah

Nun sind wir vom Las Vegas nach Utah gefahren und haben drei Bundesstaaten „überfahren“: Nevada, Arizona und Utah.


 

Utah hat als Spitznamen: „The Beehive State“ – übersetzt der Bienenstaat, das erklärt sich draus, dass die Mormonen einen Bienenkorb als Symbol des Fleißes zum Symbol des Staates bzw. des Territoriums machten.

Utah

In Utah, so schätzt man, sind 60 % der Einwohner Mormonen. Genau weiß man das nicht, weil bei der Volkszählung religiöse Zugehörigkeiten nicht abgefragt werden.

Jeder kennt Salt Lake City – die Hauptstadt Utahs. Utah leitet sich von dem Namen des Indianerstammes „Ute“ ab, die auch heute noch, neben anderen Völkern, in diesem Bundesstaat leben. Es gibt nur zwei Staaten in den USA, in denen eine einzelne Religionsgruppe die absolute Mehrheit darstellt: Rhode Island und Utah.

Der Bundesstaat Utah hat etwas mehr als die Hälfte der Fläche wie Deutschland und knapp unter 3 Mio. Einwohner. Hier leben 13 Einwohner auf einem Quadrat-Kilometer. In Berlin: 3.850.

Merkwürdig sind die Alkohol-Gesetze in Utah, die schon seit 1935 regeln, dass in Supermärkten alkoholische Getränke nur bis 3,2% Alkohol-Anteil verkauft werden dürfen. Bier oder Schnaps unter 3,2%? Schmeckt bestimmt nicht…

Es gibt keine Kneipen, wo man sein Feierabend-Bier trinken kann. Es gibt private Clubs, dort bekommt man alkoholische Getränke. Man muss also Mitglied eines privaten Clubs werden. Zum Essen in Restaurants wird Wein oder Bier angeboten.

Wir haben heute mal den Test gemacht: in 2 Supermärkten lag kein Tropfen Alkohol in den Regalen.

Wir sind nun in Saint Georg, einer Stadt mit ca. 72.000 Einwohner, und zu Gast auf der Elks-Lodge, mit 50 AMPS, zentraler Dump-Station und Wi-Fi (Wlan). Die Nacht kostet 15 US$

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Wir stehen direkt an den Red Rocks, die die Stadt St. George umgeben

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Wir sind heute zum Mormonen-Tempel gefahren. Ein auffälliges Gebäude, das schon von weitem auffällt. Leider durften wir ihn nicht von innen besichtigen, weil das nur die Mitglieder dürfen

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Wir durften uns nur im Visitor-Center des Tempels umschauen, wo Fotos mit den Innenansichten ausliegen. Zu unserer Überraschung wurden wir von einer ca. 25 Jahre alten deutschen „Missionarin“ angesprochen, die aus der Frankfurter Gegend kommt und für 18 Monate ihren Dienst im Mormonen-Tempel macht. Mormonen-Mädchen machen 18 Monate Dienst im Ausland, Mormonen-Männchen 24 Monate.

Sie hat uns in einem ca. halbstündigen Vortrag vieles über die Religionsgemeinschaft der Mormonen erzählt und mit einigen Vorurteilen aufgeräumt. So konnten wir uns daran erinnern, dass die Mormonen in der „Viel-Ehe“ leben. Das ist wohl seit 1890 nicht mehr so. Es gibt eine Splittergruppe der Mormonen, die heute noch in der Polygamie leben, aber damit hätten die eigentlichen Mormonen nichts zu tun. Und die Mitglieder der Splittergruppe – so meinte die junge Gesprächspartnerin mehrmals abschätzig – würde man im Ort bei Walmart treffen!!?? Für uns blieb da ein großes Fragezeichen.

Trotz der freundlichen Einweisung blieben bei der Uschi und bei mir sehr viele Fragen offen. Im Visitor-Center – bestens organisiert – gibt es Informationsmaterial in allen Sprachen – kostenlos. So z. B. das „Das Buch der Mormonen“ oder Hinweise zur Ahnenforschung…

Zu dem Thema passt ein Beitrag von Spiegel-Online, siehe weiter unten, den man lesen sollte.

Nun kann man ja zu der Religion stehen, wie man will. Der Tempel als Gebäude – und die Gartenanlage um den Tempel herum – sind aber eine Augenweide und ein beeindruckendes Bauwerk. Und darum ging es uns bei dem Besuch.

Der Tempel wurde zwischen 1871 und 1877 errichtet. Und zwar aus dem roten Sandstein aus der Gegend, der dann verputzt und weiß gestrichen wurde.

Beim Aushub des Fundaments kam eine unterirdische Quelle zutage, die eine besondere Drainage erforderte. Für ein ausreichend sicheres Fundament mussten tausende Tonnen vulkanischen Gesteins in den weichen Untergrund gerammt werden. Um die Felsblöcke festzustampfen, hievten Pferde einen mit geschmolzenem Blei gefüllte Kanone, die an Seilen befestigt war, ca. 15 Meter in die Höhe und ließen sie dann fallen. Hunderte von Freiwilligen haben dafür 18 Monate gebraucht, um das Fundament fertig zu stellen. Das Bauholz hat man mit Ochsen über eine 130 Kilometer lange Piste heran geschafft.

Ganz in der Nähe der Elks-Lodge gibt es das Fitness-Center Elevation Fitness, und Anna Maria, die Eigentümerin, hat und für „kleines Geld“ den Zutritt für die nächsten vier Tage ermöglicht

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Zum Fitness-Center gehört auch ein Friseur-Salon und Uschi hat direkt die Gelegenheit genutzt, und sich für einen Sommerschnitt entschieden

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Nach der Fitness-Stunde sind wir noch zu einem Spaziergang auf den Red Cliff Rocks herum gewandert. Das ist eine ca. 200 qkm große Bergformation, die teilweise aussieht wie Schweizer Käse, so durchlöchert:

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Mormonen: Postume Taufen

George Frey / REUTERS
 
 

Ex-Mormone im Interview:

„Wie am Fließband Tote taufen“

Mitt Romney könnte als erster Mormone Präsident der USA werden – auch in Deutschland leben Anhänger der Lehre, doch über ihre Zeremonien und den Glauben ist wenig bekannt. Ex-Mormone Holger Rudolph spricht im Interview über Vielweiberei, geheime Kulte und seinen Ausstieg.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rudolph, sind die Mormonen eine Sekte oder eine christliche Glaubensgemeinschaft?

Rudolph: Heute versuchen viele, auch Wissenschaftler und Theologen, das Wort Sekte zu vermeiden. Denn es stigmatisiert die Mitglieder. Ich als Aussteiger benutze den Begriff immer noch. Weil er den Zustand, in dem ich gelebt habe, gut beschreibt: Ich war indoktriniert, gleichgeschaltet und hatte das Gefühl, meine Persönlichkeit verloren zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wieso traten Sie Mitte der achtziger Jahre dieser mormonischen Glaubensgemeinschaft bei?

Rudolph: Ich habe die Struktur der Gruppe sehr gebraucht, auch die Zugehörigkeit und Anerkennung. Denn ich war auf der Suche, hatte eine schwierige Kindheit und Jugend, und bin mit 19 Jahren in einem religiösen Höhenflug vom freigläubigen Christen zum Mormonen konvertiert.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie 14 Jahre später ausgestiegen?

Rudolph: Ich hatte zu jener Zeit eine Führungsaufgabe, war Präsident einer Mormonen-Gemeinde in Emmendingen bei Freiburg. Neben meinem Job als IT-Techniker, neben meinem Dasein als Ehemann und Vater arbeitete ich noch viele Stunden ehrenamtlich für die Kirche. Außerdem war da noch die finanzielle Belastung: Zehn Prozent meines Einkommens gingen an die Kirche.

SPIEGEL ONLINE: Also so eine Art religiöser Burnout?

Rudolph: Der zeitliche und finanzielle Aufwand war nur die eine Seite. Vielleicht noch entscheidender war, dass die Mormonen mein Leben, mein Fühlen, mein Denken komplett bestimmt haben. Irgendwann habe ich angefangen, dieses Weltbild zu hinterfragen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Rudolph: Mich hat sehr gestört, dass es eine Art Klassengesellschaft gibt. Verheiratete sind bei den Mormonen mehr wert als Ledige. Die Ehe gilt als heilig, sie wird im Tempel „auf ewig“ geschlossen. Und nur Verheiratete können im Jenseits in den höchsten Bereich des Himmels gelangen und selbst zu Gott werden. Ledige werden zu „dienenden Engeln“. Die Mormonen diskriminieren außerdem Homosexuelle und Frauen. Schwarze dürfen erst seit 1978 das Priesteramt tragen. Allerdings halten die Mormonen noch immer an der Lehre fest, die schwarze Hautfarbe sei durch einen göttlichen Fluch in die Welt gekommen. Irgendwann konnte ich dieses konservative Gedankengut nicht mehr mittragen.

SPIEGEL ONLINE: Frauen sind bei den Mormonen nicht gleichberechtigt. Wie haben Sie das erlebt und wie ging Ihre Frau damit um?

Rudolph: Meine damalige Frau hat sich wie die meisten mormonischen Frauen in ihre Rolle gefügt, weil sie von den Führern der Gemeinschaft so unterwiesen wurde. Diese Rangordnung wird als gottgegeben angesehen. Frauen mussten bis 1990 im Tempel geloben auf „das Gesetz ihres Mannes“ zu hören. Heute verpflichten sie sich, auf den „Rat ihres Mannes zu hören“. Sie dürfen zwar eine Ausbildung machen. Nach der Hochzeit oder spätestens wenn die Kinder da sind, ist die Frau aber in der Regel nur noch für Familie und Küche zuständig. Sie darf in der Gemeinschaft sich selbst und die Kinder organisieren und Lehrtätigkeiten übernehmen. Das Priesteramt bleibt ihr verwehrt. Das Sagen haben immer die Männer.

SPIEGEL ONLINE: Es ist bekannt, dass Mormonen immer wieder Holocaust-Opfer postum taufen, obwohl sich die jüdische Gemeinde dagegen wehrt. Hatten Sie mit derartigen Taufen etwas zu tun?

Rudolph: Die Mormonen betrachten das Totenreich als riesiges Missionsgebiet und praktizieren die stellvertretende Taufe für die Toten: Für einen verstorbenen Verwandten wird stellvertretend mit Lebenden die Taufe im Tempel vollzogen. Ich habe dieses Ritual praktiziert: Ich stand mit einem Täufling – meist ein Jugendlicher – in einem großen Becken, das von zwölf Bronze-Ochsen getragen wird. Auf einem modernen Display erschien der Name eines Verstorbenen. Ich sprach ein religiöses Gebet und habe den Täufling ins Wasser getaucht. Dann erschien der nächste Name auf dem Display: Gebet sprechen, untertauchen. Wie am Fließband. Ob ich Holocaust-Opfer getauft habe, weiß ich nicht, denn bei den Zeremonien ist es nicht ersichtlich, wer diese Personen zu Lebzeiten waren.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland gibt es zwei für Mormonen heilige Orte: Die Tempel in Freiberg in Sachsen und in Friedrichsdorf bei Frankfurt. Welche Rituale finden dort statt?

Rudolph: Unter anderem das sogenannte Endowment (gewöhnlich als „Begabung“ übersetzt; die Red.). Das ist das wichtigste Ritual für jeden Mormonen. Nur wer das Endowment durchlaufen hat, kann im Jenseits zu Gott werden. Man empfängt dabei unter anderem symbolische Schlüssel in Form von Zeichen. Sie sollen im Jenseits die Türen in die höchste himmlische Stufe öffnen. Mormonen, die das Endowment erhalten haben, dürfen keine übliche Unterwäsche mehr anziehen, sondern tragen sogenannte Garments, lange weiße Unterwäsche aus Baumwolle oder Synthetik, bestickt mit Symbolen der Freimaurer – als Erinnerung an die Zeremonie und die geschlossenen Bündnisse. Bis 1990 wurde noch symbolisch mit dem Tod gedroht, wenn man die geheimen Zeichen verraten würde. Ich habe das noch erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man in Deutschland jemanden auf die Mormonen anspricht, sagt fast jeder: „Das sind doch die mit den vielen Frauen.“ Stimmt das?

Rudolph: Nein. Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, die größte mormonische Glaubensgemeinschaft, hat bereits 1890, unter öffentlichem Druck, die Polygamie verboten. Die Lehre der Polygamie besteht allerdings fort: Im Jenseits, so der Glaube, kann jeder Mann mehrere Frauen haben und es Gott gleichtun. Der mormonische Gott ist ein Polygamist. Auch Mitt Romneys Familie gehört dieser Glaubensrichtung an. In den USA, in Kanada und in Mexiko praktizieren jedoch einige fundamentalistische mormonische Splittergruppen die Vielehe bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden nach Ihrem Ausstieg von der Kirche als „Verräter“ bezeichnet. Hatten Sie Angst vor Repressalien?

Rudolph: Den anderen Mitgliedern wurde verboten, mit mir in Kontakt zu treten. Aber mit Repressalien wie bei einer Psychosekte – etwa den Scientologen – musste ich nicht rechnen. Der schlimmste Druck ist der eigene, der innere.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Rudolph: Ich war jahrelang fest davon überzeugt, der einzig wahren Religion anzugehören. Ich glaubte, ich könnte im Jenseits selbst göttlich werden. Dann musste ich mit dem Schuldgefühl fertigwerden, diesen Glauben verloren zu haben. Aber ich hatte erkannt, dass ich in einer Sekte und in der falschen Kirche war. Und es hat Jahre gedauert, dies zu verarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Mitt Romney war Ende der sechziger Jahre zwei Jahre in Frankreich als Missionar. Sie haben in England gepredigt. Was haben Sie dort erlebt?

Rudolph: Größte Enge und Kontrolle. Ich hatte damals schon Führungsaufgaben, ich war Distrikts- und Zonenleiter. Ich hatte in den zwei Jahren keinen einzigen Urlaubstag, habe täglich zehn Stunden gepredigt, war ständig mit meinem Missionarskollegen unterwegs und habe insgesamt 13 Menschen missioniert. Alles ist sehr straff organisiert – ein bisschen wie in einer Firma, die Religion verkauft, nur ohne Einkommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Mormonen gelten als eine Art Elite-Religion. Haben Sie vor allem in wohlhabenden Gegenden missioniert?

Rudolph: Die Vorgabe war, dass man die gebildeten Weißen anspricht. Denn man erwartete, dass diese länger aktiv bleiben. Aber mehr Erfolg hatten wir bei den sozial Schwachen. Das ist vermutlich noch heute so.

Das Interview führte Andrea Schwendemann

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