Spiel mir das Lied vom… Morricone

Gestern Abend haben wir und das Konzert von Ennio Morricone in Oberhausen angesehen.

Enni-Karten

Ennio kam mit großem Chor – rd. 75 Chormitglieder – und großem Orchester- noch einmal ca. 100 Musiker. Die Arena war nicht ganz ausverkauft

P1010254 P1010252

Es war ein traumhaftes Konzert und ich glaube, jeder Besucher – wirklich jeder – war begeistert. Der ja nicht mehr ganz junge Meister gab noch vier Zugaben und insgesamt dauerte das Konzert fast drei Stunden, 20 Minuten Pause einberechnet.

Morricone ist bis heute der einzige Komponist, der für seine beeindruckenden und unvergleichbaren Beiträge zur Filmmusik den Oscar für sein Lebenswerk erhielt. Dazu erhielt er noch viele andere bedeutende Auszeichnungen, wie zwei Grammy Awards, zwei Golden Globes, fünf BAFTAs, sieben David di Donatello Awards, acht Nastro d’Argento Awards, den Polar Music Prize sowie den französischen Verdienstorden. Unter anderem spielte er schon Konzerte im UN-Gebäude in New York, im Kreml in Moskau, in der Great Hall von Peking, in der Royal Albert Hall von London und in der Arena in Verona.

Zum Thema passt ein Artikel aus dem Hamburger Abendblatt von heute:

„Der Komponist Ennio Morricone, 86, hat Hunderte von Filmmusiken komponiert, darunter Mundharmonikaklänge von Weltruhm

Rom.  Was veranlasst Ennio Morricone, diesen weltberühmten Herrn von 86 Jahren, der am liebsten allabendlich um neun, halb zehn Uhr zu Bett geht, jetzt noch kreuz und quer durch Europa zu reisen, sich in unschönen Mehrzweckhallen als Dirigent vor ein großes Orchester samt Chor auf einen Hocker zu setzen und seine Musik aufzuführen? Für ihn ist das ganz einfach: Ungeachtet eines frisch überstandenen Bandscheibenvorfalls fühlt er eine anhaltende Verpflichtung gegenüber dem Publikum. „Sie freuen sich, denn sie mögen die Musik, die ich für Filme geschrieben habe“, sagt Morricone. „Geld ist für mich dabei kein Motiv.“

Das will man gern glauben – bei mehr als 160 Musikern auf der Bühne und jeder Menge Tourpersonal dürften die Produktionskosten das Ganze trotz gehobener Ticketpreise zu einem Nullsummenspiel machen. Schon für den Dezember war Morricones Konzert in der O2 World angekündigt. Aber nach der Erkrankung fühlte sich der Maestro noch nicht fit für die Strapazen der Tournee. Bekümmert wandte er sich in einer Videobotschaft von seiner Wohnung in Rom aus an sein Publikum, um es auf das Frühjahr zu vertrösten.

Der Clip wurde womöglich am selben Vormittag im frühen November aufgenommen, an dem Morricone auch Besuch vom Abendblatt empfing. Jedenfalls trug er bei dieser Audienz denselben weinroten, bis zum Hals zugeknöpften Cashmere-Pullover wie im Video. Seine Wohnung liegt im dritten Stockwerk eines gut gesicherten Palazzos mitten in der Stadt. Morricone lebt dort mit seiner ihm seit bald 60 Jahren angetrauten Ehefrau Maria. Der Gast wurde in einen Salon geführt, dessen Fenster auf den von römischem Dauerverkehr umtosten Kreisverkehr vor dem Monumento a Vittorio Emmanuele II hinausgehen.

Die Atmosphäre des Raums mit den hohen, vor langer Zeit einmal mit gelber Farbe getünchten Wänden, an denen sich da und dort der Putz gelöst hat, ist nobel, seltsam dunkel und etwas altertümlich. Man könnte ganz gut eine Szene für „Game of Thrones“ darin drehen. Fünf geräumige Sofas, die sich nebst weiteren schweren Sesseln auf drei Sitzgruppen verteilen. An den Wänden Kunst, da und dort Familienfotos, eine Stereoanlage mit Plattenspieler. Kein Klavier. Auch keine Trompete an der Wand – als Trompeter hat er ja mal angefangen, damals, Anfang der 40er-Jahre, als jüngster Musiker im Jazzorchester von Costantino Ferri.

Da war er 14 Jahre alt, und die Familie Morricone lebte noch auf der anderen Seite des Tibers, im armen, heute von den Touristen so überaus geschätzten Stadtteil Trastevere. Gute 70 Jahre später lebt Morricone immer noch in Rom. Er hat nie anderswo gewohnt, er spricht keine andere Sprache als Italienisch, es gibt für ihn keine andere Stadt als die ewige und keinen anderen Fußballverein als den AS Rom.

Wenn deutsche Journalisten den Meister sprechen, hören sie von ihm alle dieselbe, in leisem Ton vorgetragene Klage. „500 Filmmusiken habe ich geschrieben“, seufzt er dann. „Davon sind ganze 30 Western. Und die Deutschen kennen nur die von Sergio Leone.“ Die Werkzahl mag etwas großzügig aufgerundet sein; Anthologien listen eher 450 Scores auf. Aber es stimmt natürlich: Ausnahmslos jeder kennt seinen Soundtrack zum grandiosen Western „Spiel mir das Lied vom Tod“, der 1968 zu Morricones bereits fertig komponierter Musik entstand. Und wer nicht den ganzen Soundtrack kennt, kennt doch die trostlosen paar Töne, die ein bedauernswerter kleiner Junge, den schon am Galgen hängenden Vater auf den Schultern, in eine Harmonika blasen muss, weil es den Peinigern so gefällt. Es sind die berühmtesten Mundharmonikatöne der Musikgeschichte.

Wäre Morricone ein Popstar, er käme in seinen Konzerten nicht ohne dieses Lied davon. Wäre er ein Theatermann, er würde den Moment inszenieren, zelebrieren, auf den viele im Publikum warten bis zur letzten Zugabe, hoffend, das Stücke habe er sich für einen unheimlich großen Abgang aufgehoben. Aber diese Erwartung interessiert Morricone nicht. Soll er vielleicht für eine Handvoll Töne extra einen Mundharmonikaspieler engagieren? „Der würde dann natürlich etwas zeigen wollen“, wehrt Morricone ab, und singt dem deutschen Journalisten ein rasantes, improvisiertes Mundharmonikasolo ins Mikrofon seines Smartphones. Auf den Vorschlag, er könne im Konzert doch selbst eine Mundharmonika aus dem Sakko ziehen und die simplen Töne vom Dirigentenpult aus blasen, schaut er, als habe sein Gast ihm gerade ein Stück verschimmeltes Brot angeboten. „Mir fehlen die Worte“, sagt Morricone. „Das ist doch unerträglich, dieses Motiv“, schimpft er sanft – und singt die Melodie dem Besucher in all ihrer Gänsehaut hervortreibenden Trivialität noch einmal ausführlich vor. Es gibt Sprachmemos, die löscht man. Dieses nicht. Niemals.

Beim Interview versinkt Morricone, ein kleiner, schmaler Mann mit ebenmäßigem Gesicht und feinen Chirurgenhänden, in einem seiner Sofas. Seine Antworten, gewissenhaft übersetzt von einer Dolmetscherin, kommen langsam und überlegt. Er berichtet von seinen Ritualen – Aufstehen um vier Uhr früh, Morgentoilette, Laufen auf einem etwa 60 Meter langen Rundparcours durch die Wohnung, Zeitungslektüre, anschließend Komponieren (nur am Vormittag). „Wenn man keine Methode hat, keine Genauigkeit“, belehrt er den Gast, „dann schafft man gar nichts.“ Bei der Gelegenheit wischt er auch den Mythos von der Inspiration vom Tisch. „So was sagt man Mädchen, die man in sich verliebt machen möchte: Du hast mich inspiriert. Aber das ist Unsinn. Komponieren heißt Arbeiten an einer winzigen Idee.“

Einmal nur wird er vehement. „Nein!“, ruft Morricone unverzüglich, als es um die Möglichkeit geht, beim Komponieren Computer und Software zu benutzen. „Niemals!“ In seinem Arbeitszimmer, das er nicht zeigen mag, sitze er über echtem Notenpapier. Und wie schreibt er seine Partituren? „Mit Bleistift die Musica assoluta, die nicht zu Filmen entsteht. Für die Filme nehme ich Kugelschreiber.“ „Weil Sie sich da nie irren?“ „Nein“, sagt Morricone. „Ich irre mich bei beiden. Aber Fehler in den Filmpartituren pinsele ich mit Tipp-ex weg.“

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.