USA-Motorhome and Towing-Car

Wie geht das eigentlich mit dem Ziehen eines PKW hinter dem Motorhome?

Kurze Antwort nach einigen hundert Meilen: ganz einfach 🙂

Da ich in den letzten Wochen einige Anfragen bekommen habe, wie es technisch realisiert wurde und ich ein technischer Trottel bin, habe ich mir fachmĂ€nnische Hilfe beim Olaf Pawlitzki aus Wolfsburg geholt. Olaf ist selbst seit vielen Jahren US-Motorhome-Fahrer und hat die USA lange bereist. Es schrieb mir den nachfolgenden Text (an dieser Stelle herzlichen Dank), den ich nur ganz geringfĂŒgig ergĂ€nzt habe:

In den USA ziehen mehr als 95% aller Reisemobile einen PKW, SUV oder Pickup (towing car) hinterher, damit die Besatzung vor Ort mobil ist. Dieses geschieht in den meisten FĂ€llen, indem der PKW mit einer Deichsel auf den eigenen RĂ€dern hinterher gezogen wird („flat towing“).

In Europa ist diese simple Art des PKW-Transports aktuell nur mit Zulassung in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden erlaubt, nicht in Deutschland. Hier verbieten das die gĂŒltigen Paragraphen der StVO zum Thema „Schleppen“ und „Abschleppen“.

Besucht jedoch z.B. ein Franzose oder Brite mit seinem Gespann Deutschland, wurde er in einigen FĂ€llen bereits von der Polizei gestoppt und musste den PKW abhĂ€ngen. In anderen FĂ€llen durfte er problemlos weiterfahren. Soviel zur Einigkeit und SolidaritĂ€t in Europa.

Technische Voraussetzungen fĂŒr das Zugfahrzeug, also Motorhome:

– AnhĂ€ngerkupplung mit entsprechender AnhĂ€ngelast.
– Elektrische AnschlĂŒsse fĂŒr AnhĂ€ngerbetrieb.

Technische Voraussetzungen fĂŒr das „flat towing“ beim gezogenen PKW:

– Fahrzeug mit Schaltgetriebe oder Automatic mit SekundĂ€r-Ölpumpe im Getriebe. Nur wenige Automatic-Fahrzeuge sind deshalb fĂŒr „flat towing“ geeignet. Auch bei vielen Allrad-Fahrzeugen gibt es EinschrĂ€nkungen.

– An der Fahrzeugfront werden an  tragenden Rahmenteilen spezielle Aufnahmen zur Befestigung der (abnehmbaren) Zugdeichsel montiert.

– Mittels eines speziellen Leitungssatzes wird die Heckbeleuchtung (RĂŒcklicht, Bremse, Blinker) am PKW angesteuert. Alternativ dazu gibt es auch separate Mehrkammer- RĂŒckleuchten, die per Saugnapf am Heck befestigt werden, wodurch kein Eingriff in die Fahrzeugelektrik erforderlich ist.

– Mit Hilfe einer speziell fĂŒr diese Schlepp-Art konzipierten Deichsel wird der PKW an die Kupplung des Zugwagens gehĂ€ngt.

– Das Lenkrad-Schloss ist zu entsperren.

– Die elektrischen Verbindungen werden wie bei einem klassischen AnhĂ€nger hergestellt – und schon geht’s los!

Es gibt unterschiedliche Systeme, wie das angehĂ€ngte Fahrzeug gebremst wird. Zum Beispiel das System der „Auflaufbremse“. Das funktioniert nach amerikanischer Art sehr simpel ĂŒber die normalen Bremsen des PKW. Dazu wird eine Art „kĂŒnstlicher Bremsfuß“ verwendet. Das ist eine Einrichtung, die zwischen Fahrersitz und Bremspedal montiert wird und elektro-mechanisch, hydraulisch oder pneumatisch auf die PKW-eigene Bremse tritt. Angesteuert wird das ganze Ă€ußerst simpel ĂŒber den Bremslicht-Kontakt des Zugfahrzeugs. Über eine wirklich sinnvolle Bremskraft-Regelung bitte nicht weiter nachdenken……

Es gibt aber auch fĂŒr einige gĂ€ngige PKW-Typen elegantere, jedoch aufwĂ€ndigere und damit auch teurere Lösungen. Bei Eurem Jeep wird der Bremseingriff ĂŒber das ABS/ESP vorgenommen, was bei einigen anderen Fahrzeugen ebenfalls möglich ist, aber eben nicht bei allen.

(Meine Anmerkung: Dazu wurde ein kleines KĂ€stchen mit einem Schlauchsystem im Motorraum des PKW verbaut, und die Bremsfunktion erfolgt hydraulisch/pneumatisch. Sie wird angesteuert durch das Treten der Bremse beim Zugfahrzeug. Vom Motorraum des Zugfahrzeuges wurde ein Kabel bis zum Ende des Motorhomes gelegt. Im Fussraum des PKW wurde ein kleines KĂ€stchen eingebaut mit einem „On/Off-Schalter“ und einem „Plus-Minus-Schalter“. On/Off wird geschaltet, wenn man zieht (oder nicht). Und ĂŒber den Plus-Minus-Schalter kann ich einstellen, ob die Bremsen vom PKW stĂ€rker bremsen oder weniger stark.

Auf der Motorhaube des PKW wurde eine kleine Leiste mit LEDÂŽs aufgeklebt, so dass ich ĂŒber die RĂŒckfahrkamera vom Motorhome sehen kann, ob beim PKW die Bremsen ansprechen oder nicht. Über das Kabel vom Motorhome wir die Batterie des PKW stĂ€ndig mit Strom versorgt, also aufgeladen, weil die energiehungrige, elektrische Hochdruck-Pumpe des ESP viel Strom verbraucht und auf lĂ€ngeren Strecken die Gefahr besteht, dass dann die Batterie leer ist und das Bremssystem nicht mehr funktioniert. SelbstverstĂ€ndlich wird die Beleuchtung hinten am PKW, Bremslicht und Blinker ĂŒber das Kabel vom Motorhome mit angesteuert.)

Moderne PKW, selbst in USA, verfĂŒgen heute teilweise ĂŒber Ă€ußerst komplexe Bordnetze (z.B. die sog. CAN Bus Technologie), wodurch mannigfaltige individuelle Lösungen möglich sind.

Der sog. „Nachlauf“, das ist ein wichtiger Bestandteil der Achsgeometrie an Fahrzeug-Vorderachsen, sorgt dafĂŒr, dass die Lenkung automatisch RĂŒckstellkrĂ€fte entwickelt und die Lenkung von allein immer wieder in in Neutralstellung zurĂŒck fĂ€hrt. Dieser Effekt lĂ€sst sich sehr gut z.B. an Teewagen-RĂ€dern beobachten.

Das towing car folgt dem Zugfahrzeug auch in Kurven absolut problemlos. In sehr engen Kurven wird der PKW zwar schon einmal etwas heftiger „gezerrt“. Aber so etwas nehmen Amis nicht so ernst, denn es funktioniert in der Praxis ausgezeichnet und sicher. Wie bei hunderttausenden dieser Gespanne auf vielen Millionen Meilen bestens zu beobachten ist.

RĂŒckwĂ€rts geht es auf diese Weise kaum bzw. nur ein paar wenige Meter, da sich der Geradeaus-Effekt des Nachlaufs gegenteilig auswirkt und die VorderrĂ€der des towing car schnell und unkontrolliert  bis zum Lenkanschlag einschlagen wĂŒrden.

Aber: In Amiland geht es ja immer nur vorwĂ€rts 🙂 – also NO PROBLEM!

Soweit der Bericht vom Olaf.

HinzuzufĂŒgen wĂ€re noch: Wenn dann der PKW mit dem Motorhome verbunden ist, wird der Motor des PKW gestartet. Der Automatic-Schalthebel beim PKW wird zunĂ€chst auf „N“ gestellt, ebenso wird der Schalthebel fĂŒr die Allradfunktion auf „N“ gestellt. Danach wird der Schalthebel wieder auf „D“ gestellt um zu testen, ob tatsĂ€chlich keine VorwĂ€rtsbewegung des PKW erfolgt. Danach wird der Schalthebel auf „P“ gestellt, der Motor abgestellt und der SchlĂŒssel verbleibt im Schloss auf Stellung „Off“. Die Handbremse ist zu lösen :-))

Das ganze mag sich relativ aufwendig anhören. In der Praxis ist es aber so, dass das AnhĂ€ngen des PKW schneller geht, als damals in Deutschland das Aufladen unseres Rollers auf den Motorad-HecktrĂ€ger am Wohnmobil, einschließlich des Verzurrens des Rollers und Verschließen der Plane.

Übrigens: der KilometerzĂ€hler vom PKW zĂ€hlt die gezogenen Kilometer nicht mit, der Tachometer bleibt stehen.

Da die Zugdeichsel sehr flexibel ist, kann das AnhĂ€ngen auch vor nur einer Person erfolgen. Eine 2. Person ist also nicht erforderlich. Und da auch keine grĂ¶ĂŸeren physikalischen KrĂ€fte aufzubringen sind, wĂŒrde ich auch jeder Frau zutrauen, den PKW anzuhĂ€ngen.

Und saubere Finger behĂ€lt man auch 🙂

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